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TYPOLOVE

Siehst du das lustvolle L auf dich zukrabbeln? Es hat ein geiles O auf seine spitzen Serifen gespießt, um das mit ihm eng verwachsene V und das bummelletzte E hintersichherzuzerren. Mühsam, kraftlos, leer. Sie haben Angst, aufgebrüht und weich gemacht zu werden. Die vier Gestalten sind in letzter Minute aus einem Beutel Buchstabennudeln entkommen, der gerade zu einer börderischen Klößchensuppe verarbeitet werden sollte. Fast hatten sie es aufgegeben, ein gemeinsames Wort zu sein.
Die Flucht war mühsam. tagein, tagaus schleppten sich die Buchstaben dahin, in ständiger Angst, entdeckt und mißbraucht zu werden. Hoffnungslos schien ihre Zukunft. Wenn auch nur einer von den Vier verlorengeht, ist es aus. Was soll ein L allein mit einem V oder einem E? Was können schon ein O und ein L gemeinsam anfangen, außer sich lautstark aufzuspielen? Jeder für sich wäre hilflos, ohne die anderen.
Eines Tages hält das entkommene Wort auf seiner punktstärkezehrenden Flucht inne. Es erschauert gerührt. Es sieht, wie Du versunken auf deinem Stift kaust. Dein verträumter Blick ist auf die fast im Nebel versinkende Bergkette hinter Deinem Bürofenster gerichtet. Den vier Buchstaben erstarrt schließlich das trockene Hühnereiweiß in den typografisch fein ausgeformten Leibern, als sie beobachten, daß Du wieder lange, gefährlich-feindliche Zahlen aneinanderzureihen beginnst. Eckige Einsen stoßen sich an fetten runden Nullen. Das haltlose Wort beobachtet Dich lange und aufmerksam. Neugierig und ängstlich nähert es sich Deinem Schreibtisch. Eine eingebildete Acht hackt auf eine arrogante Neun ein, die ihr gerade die Sechs weggenommen hat. Den Buchstaben wird Angst und Bange, als sie sehen, wie sich die gegnerischen Zahlen auf dem Blatt aufführen.
Doch als Du, so in Gedanken, eine Eins und eine Drei auf einen Schmierzettel krakelst, dazu noch liebevoll eine Sieben, Neun und Acht malst, keimt wieder Hoffnung in den verängstigten Lettern. Das Datum, an dem Du Ihn kennengelernt hast! Sie reißen sich zusammen, nehmen Haltung an, richten sich mit letzter Kraft noch einmal auf.
Deine Augen gleichen glitzernden Sternen in einer klaren Winternacht, als Du Dir nebenbei bewußt wirst, daß Du die eilige Bilanz längst vergessen hast. Schnell verändert sich Dein Blick. Zügig machst Du Dich wieder daran, die bürokratischen Ziffern zu dressieren. Die Kumpane wittern ihre Chance. Jetzt oder nie!
Das L geht voran. Schleichend pirscht es sich näher an Dein Buch und schmuggelt sich schließlich, als Du kurz nicht hinsiehst, um Dir eine Zigarette anzuzünden, in den Gesetzestext, den Du gerade bearbeitest. Noch unbemerkt macht es sich darin breit. Geschwind folgen ihm die Brüder O, V und E und suchen Unterschlupf.

Viele Jahre Später holt eine leitende Angestellte einer aufstrebenden Traumfabrik ein staubiges Buch aus einem Regal. Auf der Suche nach der richtigen Klausel, um einen widerborstigen, zahlungsunwilligen Kunden festzunageln, dem versehentlich ein Alptraum verkauft worden war, will sie einst Gelerntes wieder auffrischen. Dabei purzeln unauffällig vier verschrumpelte Lettern auf den Plüschfußboden. Trotz des weichen Aufpralls verlieren das L, ein O, ein V und ein E ihr Bewußtsein. Schließlich hatten sie lange regungslos geruht. Vergeblich versuchen sie sich daran zu erinnern, was geschehen war. (8.11.1998)