LEBENSREICH   AUSSTELLUNGSREICH   PROJEKTREICH   BILDERREICH   GASTREICH   IMPRESSUM | KONTAKT  
Logo
 

No. I - „LOB DER OBERFLÄCHLICHKEIT”

LOB DER OBERFLÄCHLICHKEIT

„Die Bilder verstellen die Welt, die sie vorstellen sollen. Wenn Bilder …  das vorrangige Medium zwischen Mensch und Welt sind, dann wird es lebensnotwendig, sie zu kritisieren, um den von ihnen verstellten Weg zur Welt zu säubern."

(Vilém Flusser, 5. Bielefelder Syposium über Fotografie im November 1984; aus: „Lob der Oberflächlichkeit", Bollmann-Verlag, 1993, S. 92)

 

Ich nenne meine Arbeit nach einem Werk Vilém Flussers:

"LOB DER OBERFLÄCHLICHKEIT"

 

Das Bild

Die abstrakten digitalen Pixel technischer Bilder werden durch konkrete Gegenstände, analoge Toastbrotscheiben ersetzt.

 

Jede Toastbrotscheibe repräsentiert im Maßstab 1:1 einen Bildpunkt (Pixel) eines digitalen Bildes. Jedes der von mir interpretierten Bilder stammt aus dem Internet und ist jeweils 28 Pixel hoch und 28 Pixel breit.

 

Die digitalen Farbbilder wurden mittels Bildbearbeitungscomputer in Schwarzweißbilder umgewandelt. Die Graustufen wurden auf vier Tonwerte reduziert. Das Ergebnis ist ein Wandbild das sich aus neun tableauartig angeordneten Einzelbildern zusammensetzt.  Jedes Einzelbild besteht aus ca. 28 x 28 Toastbrotscheiben.  Jede Toastbrotscheibe ist rund neun Zentimeter breit und ungefähr acht Zentimeter hoch. Daraus ergeben sich  Höhe und Breite eines jeden Einzelbildes von rund 2,28 Metern und 2,52 Metern.

 

Die Tonwerte des vorgegeben schwarz/weißen Digitalbildes wurden durch unterschiedliche Bräunung der Toastbrotscheiben in vier gleichmäßigen Bräunungsgraden reproduziert.

 

Jedes digitale Einzelbild (Internetbild) wurde durch dieses Verfahren identisch und maßstabsgerecht in ein analoges Medium (Toast-Bild) übersetzt. Das entspricht der im Internet üblichen Bildauflösung von 72dpi (dots per inch). Diese Auflösung ist ausreichend, um Bilder auf Computerbildschirmen fotorealistisch abzubilden. Höhere Auflösungen würden die Datenmengen, die über das Netzt transportiert werden unnötig vergrößern.

 

Als Ausgangsmaterial standen mir 600 Packungen Harry-Buttertoast zur Verfügung, die ich in der Produktionsstätte der Bielefelder Bäckerei Pollmeier verarbeitete.

 

 

Bilderspiel

Die Arbeit ist eine Apparatekritik, weil Apparate für Zwecke benutzt werden, für die sie nicht programmiert sind.  Sie stellt einen Versuch dar, durch Bilder einen Teil der von Bildern verstellten Welt wieder freizuräumen, neue Blickwinkel auf die Welt der Bilder und von der Welt der Bilder zurück auf die abgebildete Welt, der Welt da draußen, zu eröffnen.

 

Sie ist ein Spiel mit Bildern, mit Standpunkten, von denen aus Bilder wahrgenommen werden, mit Oberflächen, die Bilder bilden und doch die Welt da draußen bedeuten sollen. Dinge bezwecken etwas,  das nicht ihr Zweck ist. Das gibt ihnen einen neuen Sinn.  Gewöhnliches bezweckt Ungewöhnliches. So bekommt das Gewöhnliche einen ungewöhnlichen Reiz. Nicht begreifbare Oberflächen werden entlarvt, ihre Strukturen aufgezeigt und begreifbar gemacht.

 

 

Oberflächlich

Die Arbeit ist oberflächlich, weil sie reflektiert, wie das Abbild des Menschen zu Oberflächen reduziert wird. Diese Oberflächen sind Täuschungen.  Es wird die Funktionsweise dieser Täuschungen anhand ihrer Oberflächlichkeit entschlüsselt.

 

Oberflächen können auch schön sein, verblenden. Was sich unter der Oberfläche verbirgt, wird oft vergessen. Oberflächen könne häßliche Dinge mit einem schönen Schein versehen. Tragischer wäre das Gegenteil, wenn wahrhaft Schönes unter einer häßlichen Oberfläche verborgen bleiben muß, weil es deshalb niemand beachtet, niemandem auffällt, oder sich niemand die Mühe macht den Vorhang des Ästhetischen herunterzureißen.

 

Apparate werden von Menschen programmiert, um das im Apparateprogramm vorgesehene Ergebnis zu erzielen. Apparate können sowohl dinglich (Fotoapparate, Computer, Backöfen) als auch nicht-dinglich (Verwaltungsapparate) beschaffen sein.

 

Pornografie

Die Bilder stammen aus öffentlichen Internetseiten, auf die jeder, der über einen Internetzugang verfügt, zugreifen kann. Es sind Portraits von Frauen, Ausschnitte aus Sexfotos, die im Internet grenzenlos verbreitet werden. Die Sexseiten im Internet gehören zu den meistbesuchten Homepages. Daher ist es gerechtfertigt, diese meistgesuchten Internetbilder als Abbilder des Menschen zwischen Schein und Sein zu reflektieren.

 

Zwischen dem Material, den Toastbroscheiben und den Bildinhalten besteht ein mythischer-postmoderner Zusammenhang. Die Gier nach sexueller Befriedigung kann von den virtuellen Sexangeboten aus dem Internet nicht gestillt, sondern lediglich sublimiert werden.

 

Toastbrot ist ein modernes Grundnahrungsmittel, dessen Nährwert mangelhaft ist, im Vergleich zum gesunden Vollkornbrot. Es fehlt ihm an Ballaststoffen, durch die ein Brot erst zur Nahrungsgrundlage wird. So ist Toastbrot aus ernährungstechnischer Sicht ebens unbefriedigend wie Cybersex. Es ist knackig braungebrannt und heiß, verlockt zum Reinbeißen. Toastbrot – zeitgemäßes Nahrungsmittel mit biblischer Tradition. Ballastarmer Ballaststoff um alles andere zu ertragen. Die Ernährungsgewohnheiten der Fast-Food-Gesellschaft befriedigen oft nur scheinbar das Bedürfnis des menschlichen Organismus nach ausgewogener Ernährung. Ernährung ist in der westlichen Zivilisation mit Genuß verbunden. Genuß wird dem Notwendigen vorgezogen.

 

"86 Prozent aller Männer, die an einer US-Untersuchung mit 10000 Usern teilnahmen, schweinigeln demnach im Netz, aber nur 14 Prozent der Frauen", beruft sich die Illustrierte Cosmopolitain (7/99) auf eine wissenschaftliche Untersuchung.

 

"Pornographie und Kunst ist untrennbar, weil wir in allen Sinneswahrnehmungen, die wir als sehende, fühlende Wesen haben, ein Moment von Voyeurismus und gefräßiger Gier steckt", so Camille Paglia (Die Masken der Sexualität, Berlin, 1990).

 

Sublimierte Sexualenergie kann sich auch in unbändiger Freßsucht ausdrücken. Ich habe nirgendwo soviele übergewichtige Menschen gesehen, wie in den USA, dem Land der Triebunterdrückung und Doppelmoral.

 

click to enlarge

Braungebrannte Frauen präsentieren auf den Sexpages ihre Reize. Strahlung informierte ihre Leiber, um anhand ihrer Oberflächlichkeit zu erregen. Lichtwellen werten ihr körperliches Kapital auf, um es besser vermarkten zu können. Auch unter Sonnenbänken läuft ein fotografischer Prozeß ab. Die Haut wird belichtet. Sie verfärbt sich, wie sich Toastbrote im Knuspertoaster oder Fotopapiere im Fotolabor verfärben. Wenn Frauen zu Sexobjekten reduziert  werden, belädt man sie mit Eigenschaften, die auch Toastscheiben nach der Belichtung aufweisen. Mit knackig oder knusprig, werden sie umworben, um Männer auf die Websites zu locken.

 

Das objekthaft braungebrannte, knusprige, knackige objektreduzierte Subjekt kann beliebig angeklickt und vergrößert werden. Der "pornografische Blick der bürgerlichen Gesellschaft" (Jürgen Berth) richtet sich fokussiert auf die weiblichen Sexobjekte im anonymen Web. Der Bürger kann, ohne seine Persönlichkeit preisgeben oder in Erscheinung treten zu müssen, seinen verklemmten Voyerismus ausleben. Er hat keine Angst, sein moralisch in diesem neuen Bereich der modernen Medien noch unschuldiges Gewissen, durch virtuelle Seitensprünge zu belasten. Befriedigung findet er jedoch nicht. Das Sexualziel wird nicht erreicht.

 

Die Kunst kann Bilder, die ver-heim-licht werden, veröffentlichen und dadurch aufwerten, ihnen eine neue Bedeutung verleihen. Die Pornostars oder Sexfiguren aus dem Internet werden ikonisiert. Die Sünde wird hinweggewaschen indem sie in die Himmel der Künste gehoben wird. Kunst prostituiert sich als Deckmantel bürgerlichen Moralempfindens. Sie relativiert moralische Fehltritte, so der Moralist, der ehrlich zu sich selbst sein will.

                  

Ver-heim-licht meint allein da-heim, vor dem Interface zur großen weiten Welt. Daß der Internet-Surfer unter Umständen zum gläsernen User werden kann, wird gerne ver-gessen. Plötzlich steht man nackt da.

 

Realitätsverlust

Die technischen Bilder verstellen den Blick auf die Welt. Sie reduzieren die begriffliche Welt der Dinge da draußen auf nulldimensionale Oberflächen: Pixel. Diese Flächen sind nicht begreifbar, weil nicht erfühlbar, nicht mit allen menschlichen Sinnen erfahrbar. Technische Bilder abstrahieren die Welt und täuschen Realität vor. Das führt zu einer Entfremdung von der Welt, da man glaubt, in den technischen Bildern die wirkliche Welt vor Augen zu haben. Diese Täuschung führt zu Realitätsverlust.

 

Kinder, die nie Kühe auf einer Weide beobachtet, sie als lebendige Wesen begriffen, ihren Geruch geatmet, ihr Schnaufen gehört haben, sondern sie nur auf Bildern gesehen haben, können diese nicht erkennen. Zum Erkennen, gehört das sinnliche Empfinden, welches die technischen Bilder als täuschend abstrahierende Realitäts-Duplikate nicht bieten können. Bilder werden überbewertet, auf der Suche nach Erkenntnis, wenn man ihnen bedingungslos glaubt.

 

Diese Diskrepanz nimmt er in der modernen Informations- und Mediengesellschaft zu. Wir glauben, Dinge zu erkennen, obwohl wir sie nicht einmal begriffen haben. Pixel, also Flächen desinformieren, stiften Verwirrung in der Realitätswahrnehmung.

 

Durch die künstlerische Entscheidung, Pixel durch begreifbare Gegenstände zu ersetzen, wird dieser irritierende Charakter der technischen Bilder offengelegt. Das Bild rückt ein Stück in die Welt da draußen vor, indem es sich ihr in seiner materialistischen Beschaffenheit nähert und ihm eine verlorengegangene Dimension zurückgegeben wird. Das geschieht künstlerisch, also symbolisch. Eine konsequente Hinwendung in die dingliche Welt ist nicht weiter möglich, da es ansonsten sein Wesen als technisches Bild verlieren würde. Die Nicht-Dinglichkeit digitaler Bilder wird zunächst überwunden.

 

 

Der blinde Seher ist wirklich weise. Er erkennt das Wesentliche. Oder: „Man sieht nur mit dem Herzen gut",  so Antoine de Saint-Exupéry in Der kleine Prinz.

 

Apparatekritik

Ich überliste Apparate, um sie besser zu verstehen, um ihre Wirkungsweise gegen sich selbst zu richten und um ihre Bedeutung zu hinterfragen. Toaster, Backöfen oder im Internet verwobene Computer spielen in meiner Arbeit eine Rolle, die sie sonst nicht spielen dürften, weil sie nicht dafür programmiert sind.

Ich spiele mit Ihnen. Das hat Vilém Flusser in seinem Werk „Für eine Philosophie der Photografie" gefordert. Ich folge diesem Rat intuitiv, indem ich kreativ handle.

 

Freiwillig mache ich mich zum Sklaven meiner Apparate. Ich bin fasziniert von ihren vielen Kabel, die sich hinter meinen Maschinen verwirren und deren Verwirrungen sich in meinem Kopf fortsetzen. Ich bin ein lustvolles Opfer der Technik. Technik begeistert, wenn sie funktioniert. Doch Kommunikation mit seelenlosen Apparaten und den sie steuernden Programmen langweilt mich. Dennoch ist diese Kommunikation überlebensnotwendig um das Funktionieren des toten Gerätes am Leben zu halten und sich damit selbst am Leben zu halten. Der Preis dafür ist hoch. Lebenszeit wird durch die endlosen Kabel abgesaugt, ohne daß man weiß, wo sie bleibt. Keine Erinnerungen gelebt zu haben, in der Zeit hinter den blauen Schirmen. Nur scheinbares Wissen gesammelt, kurzlebiges Wissen, das von der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts stets überholt wird.

 

Ich habe die Sprache der Bildmaschinen zu verstehen gelernt. Sie übersetzen das Bild der Welt in Pixel. Diese digitalen Oberflächen konnte ich packen und den Apparaten entreißen. Ich ersetzte sie durch Gegenstände, die jedem vertraut sind. Mit diesen Alltagsdingen baute ich einen Ausschnitt aus der Bilderwelt der Apparate nach und durchbrach so ihre kalte Technokratie. Dem Digitalen wurde künstlich (oder künstlerisch?) Leben eingehaucht.

 

In der Hitze des Backofens begegneten sich digitale Bildwelt und traditionelle Fotografie. Toastbrote wurden belichtet und so zu digitalen Bildpixeln umfunktioniert. Dieses Zusammentreffen war nicht programmiert aber unvermeidbar.

 

Wahrnehmung

Der Trick, mit dem die Bildmaschinen uns die Wirklichkeit vortäuschen, beruht in der vorn beschrieben Zerstückelung des Abbildes in Bildpunkte, Raster und Pixel.

Die Täuschung funktioniert aufgrund der physiologisch begrenzten Fähigkeiten des menschlichen Auges, vor dem sich Rasterflächen bei entsprechendem Betrachtungsabstand zu zusammenhängenden Bildern auflösen.

 

Die Apparate werden entlarvt, indem diese Unperfektheit zum Gestaltungsprinzip wird.

 

Bilderwahn

Der Mensch im Informationszeitalter wird mit redundanten Bilder überflutet. Bildaussagen werden scheinbar unendlich reproduziert und so ein eigener Bilderkosmos geschaffen, aus dem es schwer ist, auszubrechen, wenn man nicht mehr fähig ist, die Bilder zu entschlüsseln. Das Entschlüsseln verwirrender, irritierender Realitätsabbilder wird durch die Möglichkeiten der elektronischen Bildbearbeitung, eigene, frei erfundene Aussagen täuschend echt zu simulieren, unmöglich gemacht.

 

Bei der Arbeit an diesem Projekt bewegte ich mich an dieser Grenze. Ich stand vor der Wahl, das Abbild des Menschen zwischen Schein und Sein, so mein Thema, elektronisch zu manipulieren oder die Täuschung offenzulegen. Indem ich mich für letzteres entschied, befreite ich mich von den Möglichkeiten der digitalen Bildmanipulation und arbeitete gegen sie.

 

Ich vertrete die Ansicht, daß es nicht notwendig ist, neue Abbilder von der Welt zu schaffen, weil es bereits genügend gibt. Indem ich vorhandene Bilder in neue, ungewöhnliche Zusammenhänge stelle, formuliere ich Aussagen über den Umgang mit Bildern. Diesen Standpunkt kann ich nicht immer konsequent vertreten, solange ich wirtschaftlich mit der Redundanz produzierenden Bilderwelt verbunden bin. Als Fotograf verdiene ich mir meinen Lebensunterhalt mit dem, was ich andererseits kritisch reflektiere. Ich bin ein Opfer

dieser schizophrenen Gesellschaftsordnung, solange ich mich nicht aus dieser Abhängigkeit befreien kann, solange ich den Bildermarkt füttere und zur Übersättigung des visuellen Mastdarms beitrage.

 

Für die Ausstellung Junge Deutsche Nachwuchsfotografie, Herten, 1996, speiste ich einen durchsichtigen Plastikschlauch mit Bildermüll aus Zeitungen, Zeitschriften und Illustrierten. Dies war Teil einer Rauminstallation.

 

Neben meinem Studium der Visuellen Kommunikation, Fachrichtung Foto-/Filmdesign an der Fachhochschule Bildefeld arbeitete ich als Fotograf bei den Norddeutschen Neuesten Nachrichten, der Schweriner Volkszeitung und bei der Magdeburger Volksstimme. Durch den Verkauf von Bildern konnte ich mir das Studium finanzieren und mich so von der entgegengesetzten Seite der Bilderwelt kritisch nähern.

 

Mein besonderer Dank gilt an alle, die mir bei der Realisation dieses Großprojektes geholfen haben:

 

Frau Karina Alikhan

(Harry-Brot GmbH, Schenefeld)

Herrn Heitmeier

(Harry-Brot GmbH, Niederlassung Bielefeld)

Herrn Thomas Pollmeier

(Bäckerei Pollmeier GmbH)

Herrn Heinz-Werner Hellweg

(Zumtobel Staff GmbH, Lemgo)

Herrn Lehmuth

(Gerüstbau Obenhaus & Homberg GmbH, Bielefeld)

Wim Boes

Susann Fegter

Christiane Haid

Boris Kessler

Sebastian Kramm

Ludwig Kramm

Kim Kreutz

Andreas Mathiae

Christine Neujahr

Uta Neumann

Violetta Radic

Rolf Straßberger

Karen Stuke

Claudia Widera

Nannett Wiedemann

 

und ganz besonders bei: 

 

Prof. Gottfried Jäger

und

Prof. Karl Müller.

 

 

Sponsoren:

Harry-Brot GmbH, Schenefeld

Zumtobel & Staff GmbH & Co. Kg, Lemgo

Bäckerei Pollmeier GmbH, Bielefeld

Gerüstbau Obenhaus & Homberg, Bielefeld