Laudatio
Laudation anläßlich der Eröffnung der Festwoche zum 10. Bestehen des Künstler- und Stipendiatenhauses des Altmarkkreises Salzwedel und anläßlich der Eröffnung der Ausstellung „Retrospektive”
1. Wahrnehmung
Der Gast spaziert unerkannt durch die kleine Stadt. Wie alle ihre Einwoher verrichtet er in den selben Geschäften seine täglichen Erledigungen. Nichts unterscheidet ihn zunächst von den Bewohnern dieser unbekannten Kleinstadt. Sein Verhalten ist durchaus als unauffällig zu bezeichnen. Nicht deutet äußerlich auf seine Absicht, seine vollkommen verschiedene Wahnehmung der für die Einwohner dieses Städchens gewöhnlichen Dinge hin. Er wandelt zwischen Altstadt und Neustadt. Er probiert im Cafe K. die süsse Spezialität und wundert sich über die seltsame musikalische Untermalung. Er genießt den fehlenden Verkehrslärm und erfeut sich an den vielen Parks und Gärten. Er fragt sich, warum es so viele Kirchen und so wenige Gläubige gibt. Vielleicht ist unser Gast irritiert davon, immer wieder die selben Gesichter zu sehen. Kurzum, er reflektiert in der fremden Umgebung nicht nur sein eigens Ich fern seines gewohnten Umfeldes, sondern er nimmt auch das neue Umfeld selbst mit besonderer Schärfe war. Niemand, der diese Umfeld kennt, weil er es täglich gewohnheitsmäßig wahrnimmt, vermag die Dinge so zu sehen, wie dieser Gast, der seinen zeitweilgen Lebensmittelpunkt in der Kleinen Predigerstr. gefunden hat.
2. Reflektion und Reproduktion
Das in der fremden Umgebung dieser Kleinstadt Wahrgenommene keimt in unserem Gast, vermischt sich mit persönlichsten, intimsten vielleicht auch gesellschaftlichen oder politischen Erfahrungen und Erinnerungen. Es gärt, treibt an, schlägt nieder, ermüdet, erfrischt. Es will herraus. Der Zeitpunkt, wann es an's Licht drängt, zur Tat nötigt, liegt nicht im Ermessen des Gastes, der das Wahrgenommene reflektiert und in sich verarbeitet. Vielleicht ist es mitten in der Nacht, wenn die schwer in Worte zu fassenden Gedanken ans Licht drängen. Das Ergebnis liegt vor, wenn sich der Spaziergang, das Gespräch, ja all das Wahrgenommene verwandelt. Das Hängebauchschwein im Tierpark wird zum Wunderwesen einer phantastischen Bildgeschichte. Der Fleischer dieser Kleinstadt inspiriert zu der Person, die als Romangestalt lyrische Geschichte schreibt. Die heimischen Kirchenglocken verwandeln sich im Geiste des Gastes in eine Melodie, die Ungeahntes vermischt. Es wird Wort oder Bild, Klang oder Form. Wir nennen es dann Literatur, Musik oder bildende Kunst. - Ich gebe zu, mein Versuch, dieses Empfinden empfindsamer Schöpfer zu beschreiben, kann diese nur zum Schmunzeln bewegen. Sind doch diese komplexen Vorgänge kreativen, zumeist aufopferungsvollen, manchmal authistischen Tuns unbeschreiblich und rätselhaft, ja wundersam für den Empfänger der Botschaften. Der Bewohner der Stadt begegenet dem Geschaffenen und seinem Schöpfer dann erwartungsvoll im Künstlercafé der Volkshochschule und ist verwundert über die Sichtweise der Dinge, die in seiner Stadt in den Kopf des Gastes gefahren sind. Wie kann er nur? Oh wie wunderbar? Wie haben Sie das bloß gemacht?
3. Interaktion
Wir, die Bewohner waren es vielleicht, die ihn dazu inspiriert haben. Diese Sichtweise ist durchaus bereichernd für beide Seiten. Der Gast wird durch sein Stipendium den Zwängen seiner Gewohnheiten entrissen und kommt auf neue Gedanken. Aufgewertet durch die Auswahl der hochehrwürdigen Kommission für Kunst, Musik oder Literatur, die Hoffungen an ihn knüpft, ihm eine Chance für sein unbefangnes Schaffen gibt, schreitet er durch das Städchen zu Tat. Abseits seiner üblichen Sorgen, gesichert durch ein monatliches Salär, widmet er sich seinem kreativen Sein, und fast ausschließlich diesem. Gibt es doch keine großartigen Ablenkungen. Und erfreut nimmt er dann auch noch zur Kenntnis, dass es in dem Städchen Menschen gibt, die sich für sein Geschaffenes interessieren. Man nimmt sich seiner Allüren an und will, dass er sich wohl fühlt. Die Presse interessiert sich für ihn. Ein Lichtbild wird gemacht, über den Dächern der Stadt. Soviel Aufmerksamkeit ist er nicht gewohnt. Das treibt ihn an, bestätigt ihn in seinem wagemutigen oft einsamen Unterfangen
4. Fiktion
Spätere Spurensucher erforschen die Vita der Berühmtheit nach jedem Indiz. Was war das für eine Stadt, in der er dieses geschaffen hat? Woher kommt solche Inspiration? Wie kommt er dorthin? Welche Bedeutung hatte diese Episode für das Werk der Zeit? Was, nicht nur er weilte dort, auch sie, die später das und das geschafft hat! Oder auch der oder der! Wie kann das sein? 5. NotwendigkeitEr ist ein Motor der Gesellschaft, kein Anhänger.
5. Dank
Viele waren schon zu Gast. Viele werden noch kommen. Danken wir Ihnen für ihr Werk. Danken wir dem Land Sachsen-Anhalt für dieses Stipendium. Danken wir dem Altmarkkreis Salzwedel für dieses Haus. Danken wir den Menschen der Stadt für ihre Gastfreundschaft und ihr Engagement. Schauen Sie nun, was geschaffen wurde. Die Ausstellung ist hiermit eröffnet. Es ist Zeit zu feiern! Seien Sie gespannt auf die Festwoche. Herzlichen willkommen!

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